Testosteron im Beat – Das männliche Gesicht der Berliner Techno-Szene

Heute Nacht, wenn Lilith Alice Di Fede auflegt, wird sie zu Arkadia Alpha und ist nur eines: Musikerin. In schwarzer Felljacke, einem Kopfhörer auf dem Ohr und Zigarette in der Hand, hält sie konzentriert den Blick auf die Regler des DJ-Pults im Golden Gate, der sie wie eine unantastbare Mauer von der tanzenden Meute trennt. In Griffweite stehen Mate-Tee gegen die Müdigkeit und Magnesium für die Beine. Es ist jetzt drei Uhr und voll in dem kleinen Techno-Club unter der S-Bahn Brücke. Dunkel drückt der Bass aus der Anlage durch den fensterlosen vernebelten Raum und lässt die durstige Menge im Gleichschritt, Blick nach vorn, auf und ab wippen. Ein Junge in Leopardenfell schlängelt sich vor bis zum DJ-Pult und schmeißt euphorisch die Arme in die Luft. Lilith lächelt.

Es ist ein seltener Anblick. Nicht, weil das Publikum sich an diesem Abend mehr dem Rausch hingibt als sonst, nicht weil fremde Menschen sich umarmen, ein Friedhof aus Zigarettenstummeln den Boden bedeckt oder der Club noch bis zum Abend offen sein wird. Das alles ist in Berlin nämlich wochenendlicher Normalzustand. Nein. Es ist, weil Lilith eine Frau ist.

Berlin, so weltoffen und grenzenlos sich die Mutterstadt auch gibt, hat nämlich ein Sexismus-Problem. Und das genau in der Szene, die sich sonst vom gesellschaftlichen System abheben möchte. Eine nicht-repräsentative Erhebung des Künstlerinnen-Kollektivs Female Pressure aus dem Jahr 2015 untermauert das Offensichtliche: Elektronische Musik ist Männersache. Lediglich 10 Prozent der DJs in Berlins Clubs sind weiblich.

„Für Frauen ist es unglaublich schwierig, in der Szene Fuß zu fassen“, erzählt Lilith bei Ingwertee im verwinkelten Büro des Golden Gates. Die Clubszene mache es niemandem einfach, doch Frauen stehen oft früh vor verschlossenen Türen. Grund dafür ist laut Lilith die Kumpelwirtschaft, von der die Szene Großteils bestimmt wird. „Freunde vergeben Gigs an Freunde, und da Veranstalter oft Männer sind, stehen auch Männer auf den Line-ups.“

Lilith hat das geschafft, was vielen verwehrt bleibt. Sie kann vom Auflegen leben. Mit 18 Jahren begann sie im italienischen Radio zu arbeiten, entschied sich dann aber dafür, selbst Musik zu machen. Durch die als Bookerin geknüpften Kontakte ging dieser Plan auf, sie spielte in Italiens angesagten Clubs und wurde Resident-DJ in Rom. Sexismus begleitete Lilith von Anfang an. „Männer meinten, sie müssen mir helfen, und griffen mir während des Gigs in die Regler“, erzählt sie und streicht sich eine Haarsträhne aus der angespannten Stirn. Als jemand ihr einen Job für Sex anbot, war das Fass für Lilith endgültig voll.

Hier, in ihrer Wahlheimat Berlin, sei der Sexismus zwar nicht so offensichtlich, aber dennoch allgegenwärtig. Frauen würden von Kollegen oft nicht respektiert. „Dabei ist doch gerade Musik ein Metier, das zwischen Mann und Frau keine Unterschiede machen sollte“. Lilith ist inzwischen selbst Veranstalterin der Partyreihe wild at gate, und hat so die Möglichkeit, Frauen ins Line-Up aufzunehmen. Im März veranstaltete sie sogar eine rein weibliche Frauenpower-Nacht.

Doch das sei nicht die Lösung. Veranstalter müssen umdenken, mutig sein, das Mehr an Anstrengung auf sich nehmen, wenn sie etwas verändern wollen. Das Argument, es gebe einfach keine weiblichen DJs, akzeptiert Lilith nicht und verweist auf Netzwerke wie Female Pressure, in dem sie und etliche weitere weibliche DJs der elektronischen Musikszene registriert sind. Doch auch Frauen müssen ihren Teil zu einem langfristigen Umdenken beitragen, hartnäckig bleiben und den Dialog suchen. „Wir müssen anfangen, auf einer respektvollen Ebene miteinander zu sprechen“.

Im aufgeheizten Raum des Golden Gates neigt sich Liliths Spielzeit nach vier Stunden dem Ende zu. Ein letzter Beat lässt den Boden vibrieren. Jubelrufe ersetzen jetzt die Musik, Martin aus Berlin pfeift zum Applaus durch die Finger. Er habe noch nie eine Frau schlecht auflegen gehört, sagt er. „Sie haben das nötige Feingefühl.“

Diese Reportage habe ich bereits im März im Zuge einer Bewerbung geschrieben. Teile des Inhalts sind deshalb nicht ganz aktuell, das Thema hingegen ist es nach wie vor.

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